Mord wäre eine Lösung

 
Die Farben auf Ibiza sind intensiver als anderswo, der Himmel ist blauer, die Mohnblumen roter; das liegt wohl an der kristallklaren Luft. Wenn die Sonne untergeht, vergoldet sie die ockerfarbenen Felsen und der Nachthimmel umarmt die Insel, funkelnde Sterne scheinen zum Greifen nah.
Einige Menschen werden berührt von der Energie dieser Insel, wandeln sich und realisieren brachliegende Talente. So, wie die fünf Frauen auf der Finca Can Fernandez. Sie sind nach und nach dort eingezogen, leben nebeneinander her, grüßen sich mit einem knappen "Hola!"
In ihren ebenmäßigen Gesichtern faszinieren die Augen, sprechende, wissende Augen, die zu fragen scheinen: "Wer bist du? Kann ich dir trauen?"

Post von Javier Fernandez

Rosário geht zu ihrem 2-CV-Pickup. Sie sollte das Auto mal wieder waschen, vom roten Lack ist kaum noch etwas zu sehen, fest getrockneter Schlamm klebt an Felgen und Stoßstangen, der Auspuff hängt ziemlich tief.
Sie legt die Briefe, die sie von der Post abgeholt hat, auf den Beifahrersitz, dreht den Zündschlüssel um, legt den ersten Gang ein, blickt zu dem Bündel Briefe und schaltet den Motor wieder aus. Aus dem Bündel fischt sie den Brief von Javier Fernandez heraus, öffnet ihn, liest. Mit jeder Zeile vertiefen sich die zwei senkrechten Zornesfalten zwischen den Augenbrauen, aus den kinnlangen braunen Haaren rutscht eine fast weiße Strähne ins Gesicht, sie schiebt die Strähne hinter das Ohr. Ihr entfährt ein: "la madre que te parió!", dann faltet sie den Brief zusammen und steckt ihn in die Innentasche ihrer Jacke.
Während der kurzen Fahrt zur Finca kreisen ihre Gedanken, brodeln, bis sie sich schließlich bündeln und auf ein Ziel konzentrieren. Irgendwie muss es ihr gelingen, gemeinsam mit den anderen Frauen, Javiers Vorhaben zu stoppen. Doch wie soll sie die Frauen überzeugen? Obwohl sie schon einige Jahre zusammen auf dem Hof leben, sind sie sich fremd, gehen sich aus dem Weg. Warum nur?

Diese Mary, da stimmt was nicht. Sie zog vor drei Jahren in die Wohnung, verhaspelte sich, als sie ihren Namen nannte. Sie muss ihn geändert haben. Auch die  anderen Frauen scheinen etwas verbergen zu wollen.
Mit Isabella zu reden ist anstrengend, sie plustert sich auf, fühlt sich bei jedem Wort gleich angegriffen. Rosário hatte schon ein paar Mal gesehen, dass sie ihre Tochter beschimpfte und schlug.

Dann diese verrückte Sylvia. Als sie einzog, schleppte sie zwei Computer und andere technische Geräte in ihre Wohnung. Wozu braucht sie zwei Computer? Sie sieht bleich aus, weil sie kaum ihre Wohnung verlässt, lauert hinter den Gardinen, wenn ein Auto in den Hof einfährt. Morgen wird sie die Frauen zu einem Gespräch einladen.
Nach wenigen Kilometern, gleich hinter der Müll-Deponie, biegt sie rechts in den Feldweg ein. Schlaglöcher veranlassen sie langsam zu fahren, den tieferen Löchern weicht sie aus. Tränen quellen aus ihren Augen, die sie mit der linken Hand weg wischt. Selten hat sie die Umgebung der Finca so bewusst wahrgenommen wie jetzt. Sie liegt zwischen Wäldern, Wiesen und Obstplantagen, die von Javier nach dem Tod seiner Eltern verpachtet worden sind. Als Immobilienmakler hatte er keine Zeit, sich um den Erhalt der Plantagen zu kümmern.
Links und rechts des Weges sind Gärten mit Gemüse und Obstbäumen. Die Zitronen und Orangen sind reif, bilden satte Farbtupfer. Ab und zu ein Feigenbaum, deren reife aufgeplatzte Früchte locken "Nimm mich, iss mich!" Es riecht nach Lavendel, Rosmarin und Thymian.

Durchgerüttelt, erreicht sie die Hofeinfahrt, die für Fremde leicht zu übersehen ist, Heckenrosen verhindern die Sicht auf die Gebäude. Am Wegesrand zum Hof liegen Kabel der Telefonica; über Stangen werden sie zu den Gebäuden weiter geleitet und bilden ein ideales Rankgerüst für die Ackerwinde, deren Blüten violett und blau aus dem Grün leuchten.

Die Finca

Rosário stellt das Auto auf dem Hof ab. Sie blickt zum alten Turm, dessen Mauer von einem Flickwerk aus Feldsteinen und Mörtel zusammengehalten wird. Im Turm befindet sich eine kleine Wohnung, in der Sylvia lebt. Vor der Terrasse des Turmes ist ein leerer Pool; abgesägte Äste und Zweige liegen darin, Pflanzen haben den Beton aufgebrochen, überall wachsen Gräser und Kräuter. Die Wurzeln eines meterhohen Wacholders umklammern einen Felsbrocken.
Links neben dem Turm befand sich der ehemalige Stall. Er ist zu einem kleinen Haus umgebaut worden, in dem Javier wohnte. Auf dem schrägen Wellblechdach haben sich Gras und andere Pflanzen ausgebreitet, die Tür und das vergitterte Fenster sind azurblau umrahmt. Davor stehen ein verrosteter geschmiedeter Stuhl und ein hoch gewachsener Feigenkaktus, die Schatten an der weiß verputzten Wand bilden. Die angrenzenden drei Anbauten sind unterschiedlich breit und hoch, dicke Mauern mit kleinen Fenstern schützen im Sommer vor großer Hitze. Jede der fünf Wohnungen hat einen kleinen Garten, der abgegrenzt ist durch teilweise verrottete Palisaden, die nur noch von Efeuranken zusammengehalten werden. Nachmittags liegen die Gärten im Schatten der Bauten.
Die Finca 'Can Fernandez', eine Insel auf der Insel; ein idealer Ort für die fünf Frauen. Rosário atmet tief durch, schnappt sich das Bündel Briefe und geht in ihre Wohnung.

Schon wieder verschlafen

Heute früh hatte Isabella verschlafen. Sie schaffte es gerade noch, Helga rechtzeitig vor der Schule abzusetzen. Um neun Uhr beginnt ihre Arbeit bei Lidl. Sie sieht auf die Armbanduhr, es ist schon fast zehn Uhr.
Im Supermarkt zieht sie hastig den Kittel über und geht an Kasse fünf, will gerade die Kasse richten, da steht Herr Donas, der Filial-Leiter vor ihr; ein unscheinbares Männchen, klein und sehr dünn. Dünn und piepsig ist auch seine Stimme. "Frau Roth, kommen Sie mit in mein Büro." Er sagt es in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, geht schnellen Schrittes voran. Die Pieptöne der Kassen verstummen für einen Moment. Isabella spürt die neugierigen Blicke ihrer Kolleginnen im Nacken. Donas schließt die Tür, setzt sich an den weißen Metalltisch.
In dem schmalen Raum gibt es eine Glasscheibe, durch die Donas in den Verkaufsraum sehen kann. Der in der Scheibe eingebaute Ventilator scheint defekt zu sein, es riecht nach kaltem Zigarettenrauch und muffigen Schuhen. Auf dem Tisch türmen sich Berge von Lidl-Prospekten, einer der Stapel versperrt Donas die Sicht auf Isabella, die ihm gegenüber auf einem Hocker Platz genommen hat. Er schiebt die Prospekte vorsichtig beiseite, stützt die knochigen Hände, wie ein Läufer am Start, auf die frei gewordene Fläche. "Frau Roth, sie sind heute schon wieder eine Stunde zu spät gekommen!"
"Meine Tochter hat …"

Mit einer unwirschen Handbewegung unterbricht sie Donas. "Kommen Sie nicht schon wieder mit irgendwelchen Ausreden, das ist in diesem Monat bereits das dritte Mal, so geht es nicht! Wenn das noch ein Mal vorkommt, behalte ich einen Teil Ihres Lohnes ein."
"Das können Sie nicht machen, die Anderen verspäten sich auch …"
"Frau Roth, es geht hier um Sie, ich dulde das nicht länger."
In Isabella mischen sich Zorn und Verzweiflung, geben ihrer Stimme einen aggressiven Unterton. "Warum sind Sie nur mir gegenüber so gemein, bei meinen Kolleginnen lassen sie alles durchgehen."
"Bitte mäßigen Sie ihren Ton, Frau Roth." Donas Finger trommeln nervös auf die Tischplatte, seine Stimme überschlägt sich, "Gehen Sie an die Kasse und arbeiten Sie so, dass ich zufrieden sein kann!"
"Was, Sie sind mit meiner Arbeit nicht zufrieden? Ich bin doch die Schnellste hier in dem Laden! Pah, das ist jetzt der Dank dafür."
Donas, steht auf, wirft fast den Stuhl um, packt Isabella am Oberarm, seine Finger krallen sich in ihre Muskeln, er zerrt Isabella zur Tür. "Zeit ist Geld! Ich erwarte Pünktlichkeit von Ihnen!"
"Lassen Sie mich sofort los, Herr Donas, sehen Sie doch zu, wie Sie ohne mich klarkommen - ich kündige!" Isabella reißt sich los, läuft in den Personalraum, schnappt sich ihre Handtasche, geht an den Kolleginnen vorbei - die Pieptöne der Kassen verstummen wieder für einen Moment.

Es ist noch zu früh, um Helga von der Schule abzuholen, also fährt Isabella mit ihrem Seat-Ibiza in die Innenstadt. Dort einen Parkplatz zu finden, ist fast unmöglich, doch sie kennt sich aus, parkt in einer Seitenstraße vor der Buchhandlung 'Libro Azul'.
Sie ist unschlüssig, was sie jetzt machen soll, sieht zu der alten Festung 'Dalt Vila' hoch, die sie magisch anzieht und beschließt, mal wieder durch die mittelalterlichen Gassen zu schlendern, hofft dadurch ruhiger zu werden.

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