... und Niemand 

kann sie zwingen

Leseprobe © Lara Legano

Familie Janiak

Auch Rosalie Janiak und ihre vier halbwüchsigen Kinder Daniel, Oleg, Albert und Maria beschlossen zu fliehen, als der Kanonendonner immer lauter wurde. Ihnen war bewusst, dass die Strecke von Pyritz bis Pillau an der Ostsee ca. 120°km lang war. Zum Glück bot sich ein Nachbar von ihnen an, sie auf seinem Leiterwagen mitzunehmen.

Die 42jährige Rosalie hatte trotz der vier Kinder noch eine tadellose Figur. Ihr langes, braunes Haar band sie als Zopf zum Dutt. Sie war eine couragierte Frau, erkannte früh, dass diesem Hitler nicht zu trauen war und äußerte sich dazu auch lauthals. Der Dorfpolizist hatte sie mitunter ermahnt: "Rosalie, Rosalie sei vorsichtig, sonst landest du noch im KZ".
Es fiel ihr sehr schwer – wie vielen anderen auch - die Heimat zu verlassen und sich auf diesen risikoreichen Pfad mit ihren Kindern zu begeben. Sie wusste nicht, ob ihr Mann noch am Leben war; die letzte Nachricht von ihm kam vor einigen Monaten aus Russland.

Liebe Rosalie,
wir sind in Rakovo kurz vor Moskau. In der Nähe ist ein großer See, da können wir ab und zu schwimmen. Mir geht es gut. Eine Nachricht von unserem Führer sickerte durch: Der Krieg soll bald zu Ende sein! Dann bin ich endlich wieder bei euch. Ich vermisse dich so sehr! Gib den Kindern einen Kuss von mir.
Heil Hitler! Dein Bärchen

Rosalie ärgerte sich über den Hitlergruß. Sie war für die Kommunisten und von Anfang an gegen die Nazis gewesen. Das führte mitunter zu kuriosen Handlungen innerhalb der Familie. Es gab mal in ihrem Dorf zwei Aufmärsche an einem Tag. Gegen Mittag kamen die Kommunisten, am späten Nachmittag die Nazis.
Am frühen Morgen setzte sich Rosalie an die Nähmaschine und nähte kleine Fähnchen für die Kommunisten. Anschließend saß ihr Bärchen an der Nähmaschine und nähte Fähnchen für die Nazis.
Rosalie schickte ihre Kinder mit den Kommunisten-Fähnchen auf die Straße. Später mussten die Kinder mit den Nazi-Fähnchen hinausgehen.
Ihr ältester Sohn Daniel war bei der SS gewesen und hatte als Soldat in Südfrankreich gekämpft. Da er diesen für ihn irrsinnigen Krieg nicht mehr aushalten konnte flüchtete er über die Schweiz nach Deutschland zu seiner Familie.
Jetzt auf der Flucht war er eine große Hilfe. Gerade 21 Jahre alt tat er alles, um die kleine Familie zusammen zu halten und zu beschützen. Daniel war ein echtes Schlitzohr, machte gern Witze und fand immer einen Ausweg aus aussichtslosen Situationen. Gemeinsam mit seinen jüngeren Brüdern Oleg und Albert, bettelten sie um Nahrungsmittel. Einmal brachte Daniel sogar ein 'Kaninchen' mit und sie brieten es über offenem Feuer; dass das Kaninchen eine Katze war verschwieg er. Auch kümmerten sie sich darum, dass sie mitunter in Bauernhöfen oder leer stehenden Häusern übernachten konnten. Maria, die 18jährige Schwester, litt besonders unter diesen katastrophalen Ereignissen. Mitunter wollte sie nicht mehr weiter gehen, setzte sich an den Wegesrand in den Schnee und weinte. Daniel kümmerte sich um sie, zerrte sie hoch, trug sie ein Stück des Weges huckepack, bis sie sich wieder beruhigte.
Sie schafften es bis Pillau, ergatterten Platz auf einem der vielen Flüchtlingsschiffe, landeten in Flensburg und wurden im Flüchtlingslager Kielseng aufgenommen.

Seite
< 01 >
 <02>

www.leselagune.eu | Kurzgeschichten | Texte für den Frieden | Kolumne | Kabarett-Sketche