Lyrik
     Marga Fiedler-Scholz



Kannst du dich noch erinnern

wie wir als Kinder Indianer gespielt haben
wie ich dich jeden Morgen zu Hause abgeholt habe
wie du den Kakao aus der Untertasse getrunken hast
und wie wir gemeinsam zum Bahnhof gegangen sind
das waren noch Zeiten

Kannst du dich noch erinnern
wie wir zusammen vor eurem Haus Federball gespielt haben
wie ich dich Vokabeln und Gedichte abgefragt habe
wie du mit mir Wetten abgeschlossen hast
und wie wir gemeinsam zum Turnverein gegangen sind
das waren noch Zeiten

Ich werde nie vergessen
wie dein Koffer auf dem Weg zum Bahnhof aufgegangen ist
wie wir deine Sachen eingesammelt haben,
als der Zug schon um die Kurve kam
wie du dir die Vokabeln einim – audere – desertus gemerkt hast
und dass du deine Wettschulden nie bezahlt hast

Kannst du dich noch erinnern
wie wir gemeinsam Theater gespielt haben
wie ich dich hinter der Bühne zum Lachen gebracht habe
wie du mir unterstellt hast gefurzt zu haben, wenn du es warst
und wie wir stundenlang Monopoly gespielt haben
das waren noch Zeiten

Kannst du dich noch erinnern
wie wir zusammen Spaziergänge gemacht haben
wie ich dich hinterher nach Hause begleitet habe
wie du danach wieder ein Stück mit mir gegangen bist
und wie wir gemeinsam den Mond und die Sterne betrachtet haben
das waren noch Zeiten

Ich werde nie vergessen
wie wir heimlich geraucht haben, weil wir erwachsen sein wollten
wie wir samstags abends in die Diskothek gefahren sind
wie wir uns zum ersten Mal verliebt hatten
und dass meine Mutter dich mir immer als leuchtendes Vorbild hingestellt hat

Kannst du dich noch erinnern
wie wir auseinander gegangen sind
wie ich mein unruhiges Leben in der weiten Welt geführt habe
wie du geheiratet und dein behütetes Leben zu Hause hattest
und wie wir uns ab und zu getroffen und geredet haben
als wäre die Zeit stehen geblieben


Ich werde nie vergessen
wie viel Verständnis du für mich hattest
wie du an meinem Glück und Leid Anteil genommen hast
wie du mich beim Tod meines Vaters getröstet hast
und dass du mir immer eine gute Freundin warst

©  by Marga-Fiedler-Scholz

            


Inselurlaub

Wir fahren bald auf die Insel
Da kann man das Meer rauschen hören

Wir machen lange Spaziergänge am Strand
Da kann man den Sand unter den Füßen spüren

Wir sitzen zusammen am Ufer
Da kann man die Wellen anrollen sehen

Wir lassen unsere Haare im Wind wehen
Da kann man die salzige Luft schmecken

Aber noch ist es nicht soweit

Noch sitze ich in der Großstadt
Da kann man den Verkehrslärm hören

Noch muss ich jeden Tag zur Arbeit gehen
Da kann man das harte Pflaster unter den Füßen spüren

Noch muss ich im Büro sitzen
Da kann man das grelle Neonlicht sehen

Ich lasse meine Seele baumeln
Da kann man die Sehnsucht schmecken

Aber bald ist es soweit



©  by Marga-Fiedler-Scholz.

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