Koma

Kurzgeschichte von Marga Fiedler-Scholz 

... Sie konnte kaum noch atmen und hörte ihr Blut laut durch die Adern rauschen. Je schneller sie lief, desto lauter wurde das Geräusch hinter ihr. Ein innerer Zwang trieb sie vorwärts ohne sich umzusehen. Ihre Füße bewegten sich mechanisch auf dem mittlerweile nassen Sandpfad. Noch dreihundert Meter, zweihundert, endlich hatte sie die stark befahrende Straße erreicht, nahm allen Mut zusammen, blieb stehen und blickte sich um. Da war nichts. Eben, vor dem Bruchteil einer Sekunde hatte sie es noch gehört, und jetzt war da nichts.
Ihre angstverzerrten Gesichtszüge entspannten sich etwas, und sie machte ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie die belebte Fahrbahn überquerte. Nun waren es nur noch fünf Minuten an der Straße entlang bis zu ihrem Haus. In dem Maße wie sich Eugenias Angst auflöste, entlud sich das Gewitter. Blitze teilten in rascher Folge die Dunkelheit, und die sofort danach zu hörenden Donnerschläge übertönten um ein Vielfaches den Verkehrslärm.
Eugenia hatte Angst vor Gewitter, doch es war eine andere Angst, nicht zu vergleichen mit der, die sie noch vor ein paar Minuten durch gestanden hatte, vor allem das Krachen des Donners ließ sie jedes Mal zusammen zucken. Der Regen, der sich inzwischen zum Wolkenbruch gesteigert hatte, und die vorbeifahrenden, spritzenden Autos hatten sie bis auf die Knochen durchweicht. Die Kleider klebten am Körper, das klatschnasse, lange Haar hin in wirren Strähnen an ihrem Kopf und das zerlaufene Make-up hatte unschöne Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, aber all das war ihr gleichgültig. Sie war erleichtert, als sie den Schlüssel in ihre Wohnungstür steckte und umdrehte.
In dem Moment erhob sich Justus von seinem Stuhl am Schreibtisch und ging in die Diele.
Er sah Eugenia kalt an. „Mein Gott, wie siehst du denn aus? Wie ein Zombie, der gerade einer Geisterbahn entstiegen ist. Was hast du überhaupt bei dem Wetter draußen zu suchen?“, schimpfte er.
Eugenia stotterte, „ich wollte einen Spaziergang machen, du sagst doch immer, ich soll mehr an die frische Luft gehen“.
„Jetzt machst du mich auch noch verantwortlich?!“
„Nein.“
„Was ist das denn, was du dir soeben vorgeworfen hast“
„Bitte, Justus, wir wollen doch nicht streiten. Ich bin so froh, dass ich hier in Sicherheit bin. Ich habe es schon wieder gehört.“
„Lass mich mit dem Quatsch in Ruhe. Sie zu, dass du in die Gänge kommst. In zwanzig Minuten steht das Essen auf dem Tisch.“ Damit wandte sich Justus wieder seiner Arbeit zu und ließ Eugenia stehen.
Die junge Frau schlich ins Bad, zog die nassen Kleider aus und rubbelte sich trocken. Sie schlüpfte in ihren Hausmantel, ging rasch in die Küche und schob die Kartoffeln und den Braten, was sie am Mittag schon vorbereitet hatte, in die Mikrowelle. Jetzt musste sie nur noch schnell den Salat waschen, zubereiten und den Tisch decken. Eugenia wusste, wie peinlich genau Justus nach der Uhr lebte. Punkt neunzehn Uhr stand das Essen auf dem Tisch.
Die beiden Eheleute saßen sich einander gegenüber.
Justus sagte: „Lass dir das ja nicht zur Gewohnheit werden, so schlampig zum Essen zu erscheinen.“
„Verzeih, ich hatte nicht mehr genug Zeit, mich zurecht zu machen.“
Schon gut. Aber eins muss man dir lassen, du bringst es immer wieder fertig, das Fleisch trocken und zäh werden zu lassen und den Salat im Wasser zu ertränken.“ Justus schon seien halbvollen Teller zur Seite, kippte sein Glas Rotwein in einem Zug hinunter und stand auf. „So einen Fraß muss ich mir nicht antun. Wozu habe ich dich zu einem Kochkurs geschickt? Du hast nichts gelernt, lass dir die Kursgebühr zurückgeben.“
„Justus, ich kann doch nichts dafür, wenn du kein Öl am Salat und kein fettes Fleisch vertragen kannst.“
„Ach, dann ist es also meine Schuld, dass du nicht kochen kannst?“
„Nein, natürlich nicht“, sagte Eugenia resigniert. Sie schwieg, es hatte keinen Zweck, gegen diesen Mann zu argumentieren, er hatte sowieso immer Recht.

Justus beherrschte Eugenias Leben von A bis Z. Er schrieb ihr genau vor, wann sie etwas wie zu tun hatte, und bei dem Wenigen, das sie selbst bestimmen konnte, wurde sie von einer Angst beherrscht, die eigentlich noch viel schlimmer war, weil sie diese nicht zuordnen konnte.
Eugenia konnte sich nicht zur Wehr setzen. Schon dreimal hatte sie versucht, weg zu kommen. Sie wollte sich von Justus trennen und war zu ihrer Mutter geflüchtet. Jedes mal hatte er sie nach kurzer Zeit aufgespürt, unter Drohungen und Versprechungen zurückgeholt, und danach hatte sich nichts geändert. Es fing alles wieder von vorne an. Heute konnte sie nicht mehr verstehen, warum sie diesem Mann einmal ihr Jawort gegeben hatte. Er brauchte sie, weil es wahrscheinlich niemanden sonst gab, de er so gut herum kommandieren und kontrollieren konnte.
Sie brauchte ihn in gewisser Weise auch. Er versorgte sie mit allen notwendigen materiellen Sachen. Sie hatte schon lange ihre Arbeit auf seinen Wunsch hin aufgegeben und lebte nur noch für Justus. Der Haushalt war picco bello, und sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Ganz am Anfang hatte ihr das sogar Spaß gemachte, sie war in ihn verliebt gewesen. Er hatte sie so hartnäckig umworben, gab nie auf, war galant und stellte etwas das. Damals hatte er gerade sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und es nun bis zum Hochschulprofessor gebracht. Eugenia hatte sich geschmeichelt gefühlt und seinem Drängen nachgegeben, was sie schon bald nach der Hochzeit bereut hatte. Damit fing es an, das sie hinter sich Geräusche hörte, die nur in ihrem Kopf existierten, was ihr aber nicht bewusst war.

Sicher, in diesen fünfzehn Jahren hatte sie auch schöne Tage erlebt, aber was waren die im Vergleich zu ihrem Alltag, wenn sie diese unheimlichen Laute hörte und von der Angst fast all ihrer Energie beraubt wurde. In dieser Nacht beschloss Eugenia, etwas zu ändern.
Sie bekam sehr hohes Fieber und konnte sich nicht mehr bewegen. Sie vermochte nur noch zu schreien, und kein Wort kam mehr über ihre Lippen. Zuerst war Justus darüber sehr ärgerlich, dann brachte er sie besorgt in die Notaufnahme der Universitätsklinik. Dort wurde eine unbekannte Krankheit diagnostiziert. Sämtliche Untersuchungen und Therapien, die Eugenia über sich ergehen lassen musste, brachten nicht den geringsten Erfolg. Sie verharrte in diesem Zustand. Die Ärzte gaben schließlich auf, und Justus holte sie wieder nach Hause.
Da lag sie nun seit Jahren, angeschlossen an Schläuche und Katheter, nur die Atmung funktionierte noch, und die inneren Organe arbeiteten normal.
Während Justus bei der Arbeit war, kam eine Frau von einem ambulanten Pflegedienst ins Haus und betreute Eugenia. Eugenia mochte sie gerne, besonders, wenn sie ihr Geschichten erzählte oder aus Bücher vorlas. Manchmal hätte sie sich gerne unterhalten, aber es kam nur ein unartikuliertes Schreien aus ihrem Mund. Wenn sie lächeln wollte, verzog sich ihr Gesicht zu einer hässlichen Grimmasse.
Endlich hatte Eugenia ihren Frieden gefunden. Justus glaubte zwar, er hätte die totale Kontrolle über sie, er ordnete an, wann sie auf welche Seite gedreht werden sollte, wann sie wie viel Sondennahrung zu bekommen hatte, jede einzelne Kleinigkeit ihrer Körperpflege war minutiös fest gelegt, aber er hatte keine Macht mehr über sie. Ja, Eugenia hatte ihren Frieden gefunden, die unheimlichen Geräusche hatten aufgehört und die Angst verfolgte sie nicht mehr. Nur wenn Justus zur Tür herein kam, zuckte sie mit schreckhaft aufgerissenen Augen zusammen, doch wovor sollte sie sich noch fürchten? Das Schlimmste, was ihr passieren konnte, war der Tod, und Eugenia war schon vor Jahren gestorben.

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