Die Weihnachtstür

© Lara Legano
Waren es sechs oder sieben Löcher? Wie viele Löcher hat eine Flöte, fragte Sofia sich und schnitzte schließlich doch ein siebentes Loch in die Mohrrübe. Sie schaute die Mohrrüben-Flöte an, der Luftschlitz im Mundstück müsste vergrößert werden. So bohrte sie sehr behutsam mit dem kleinen Küchenmesser nach. – Fertig! Sie schloss die Augen, setzte die Flöte an den Mund und spielte hingebungsvoll 'Ihr Kinderlein, kommet ...' Es war wichtig, dass die Augen dabei geschlossen blieben; mit geschlossenen Augen konnte sie die Flötentöne hören. Vorsichtig knabberte sie schließlich an der Mohrrübe, ohne den inneren Kern zu verletzen, erst die äußere süßere Schicht ab, bevor sie den Kern verzehrte. Der Kern erinnerte sie an einen Baumstamm mit winzig kleinen Ästen.
"Du bist ja immer noch nicht angezogen! Beeil dich, sonst kommen wir zu spät!" Mit diesen Worten riss die Mutter sie aus ihren Träumereien.
"Ja, ich komm schon." Sofia schnappte sich die Mütze und zog die neuen schwarzen Halbschuhe an, die sie zu ihrem Geburtstag bekommen hatte. Schließlich war heute Weihnachten, da wollte sie besonders schön aussehen.
"Sofia, hast du mein Halstuch gesehen? – Ich weiß genau, dass ich es hier auf den Stuhl gelegt hab. Immer lässt du alles rumliegen, räum das Küchenmesser fort und wisch den Tisch noch mal ab!"
Maria entdeckte das Halstuch im untersten Regalfach und zog es heraus. Im gleichen Augenblick polterte die Schnapsflasche, die Sofia dort versteckt hatte, auf den Fußboden. Sofia duckte sich instinktiv.
Maria fluchte: "Das ist mal wieder typisch, du gönnst mir wohl gar nichts? Nicht mal zu Weihnachten! Was hab ich denn heut schon getrunken?"
"Doch, ich gönn es dir, wirklich Mutti ... aber die Flasche ist schon halb leer."
"Dein Glück, dass sie heil geblieben ist."
"Mutti, lass uns lieber zuhause bleiben. Wir könnten das Radio anstellen und Weihnachtslieder hören und du kannst dich ausruhen."
Maria band sich das Halstuch um. "Nun komm schon!"
Eisiger Wind, der die Schneeflocken vor sich hertrieb, erschwerte Sofia das Atmen. Sie zog sich den Schal schützend vor das Gesicht, so dass ihre Augen gerade noch den Weg erkennen konnten. Die Beiden gingen schweigend nebeneinander her und erreichten bald die Innenstadt. Die Straßen waren nahezu menschenleer, behaglich stille. Das Licht der Kerzen an den Christbäumen hinter den Fenstern strömte Geborgenheit aus. Die Kirchenglocken der St. Nikolai-Kirche läuteten. Sie gingen etwas schneller.
Sofia öffnete das Kirchenportal. Orgelmusik tönte ihr entgegen. Weiter vorne direkt am Mittelgang, entdeckte sie leere Sitzplätze. Leise ging sie dorthin. Maria folgte ihr. Erst jetzt bemerkte Sofia, dass ihre Schuhe vom Schnee durch und durch nass geworden waren, ihre Füße froren.

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