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Das Meer
singt - hörst du es?
Eine leichte Brise weht von Südwest über das Meer,
kräuselte das Wasser an der Oberfläche. Sonnenstrahlen
zaubern Lichtreflexe. Aus dem Rauschen des Meeres erklingt eine zarte
sehnsuchtsvolle Melodie. Betörend verführt sie dazu
einzutauchen, sich willenlos hinzugeben, schwerelos treiben zu lassen.
Es gibt kein Leben ohne Wasser. Wasser ist Leben. Wenn Wasser auf
Wasser trifft will es sich verbinden, will eins werden, Molekül
für Molekül…
…auch in den Körpern von Julia und Fabian.
Julia legte den Telefonhörer auf. Endlich würde sie Fabian
wieder sehen. Sie atmete tief ein und schloss ihre Augen, versuchte
sich an ihn zu erinnern. Es gelang ihr nicht. Zwei feine senkrechte
Falten bildeten sich zwischen den Augenbrauen. Sein Anruf vor zwei
Wochen.
"… Probleme mit dem Zoll. … Es verzögert sich alles. Muss
leider hier bleiben. … Vielleicht noch eine Woche. Du wirst dich
freuen, ich habe mir etwas Besonderes für dich einfallen lassen."
Eigentlich wollten sie ihren Geburtstag gemeinsam feiern. Seit Fabian
dieses Bauprojekt in Alicante leitete, rief er selten an. Seine Stimme
am Telefon klang anders, weniger fröhlich, weniger zärtlich
als sonst. Sechs Monate in Spanien, da kann viel passieren, dachte
Julia. Er hatte sogar den Geburtstag vergessen, rief erst einen Tag
später an, entschuldigte sich. "... kaum freie Zeit, um alles muss
ich mich kümmern." Alles nur Ausreden. Wahrscheinlich hatte er
einfach keine Lust mehr. Doch wenn es so wäre, würde er kaum
auf die Idee kommen sie am Wochenende zu besuchen. Oder würde er
diese Gelegenheit nutzen, um ihr zu sagen, dass er eine andere hat? -
"Nein", Julia schüttelte energisch den Kopf, "das bilde ich mir
nur ein."
Samstag gegen Mittag also. Wie und womit könnte sie ihn
überraschen. - Einmal so richtig verwöhnen? - Ja, gutes
Essen, ein guter Wein. Selber kochen? Fabian würde staunen. Julia
blätterte ihre Magazine durch. Schließlich entdeckte sie
eine Seite mit Rezepten für ein China-Fondue. Die Fotos regten
ihren Appetit an. Um einen Fondue-Topf herum waren Schälchen mit
den unterschiedlichsten Zutaten arrangiert, Mu-Err Pilze,
Bambussprossen, Glasnudeln, Crevetten. Ein wahrer Augenschmaus. Fabian
aß gern chinesisch. Sie zögerte nicht lange, schrieb alles
auf einen Einkaufszettel, auch den Fondue-Topf.
Liebevoll hatte Julia das Fondue vorbereitet. Die chinesischen
Servietten mit dem zarten Blumenmuster, die bordeauxfarbenen Kerzen,
verliehen dem gedeckten Tisch eine romantische und edle Note. Sie ging
in die Küche, um nach der Hühnerbrühe zu sehen,
probierte noch einmal. Ja, sie war heiß genug und schmeckte gut.
Vorsichtig träufelte sie noch ein wenig Madeira hinein.
Während sie sich schminkte, schaute Julia hin und wieder aus dem
Fenster auf die Straße. Nein, sein Auto war noch nicht zu sehen.
Sie zog das dunkelblaue knöchellange Kleid mit den schmalen
Trägern über ihren nackten Körper, spürte den
weichen Stoff auf ihrer Haut. Barfüßig schlüpfte sie in
die Sandalen.
14 Uhr schon. Vielleicht hatte Fabian es einfach vergessen, so wie
ihren Geburtstag. Oder er ist aufgehalten worden. Sie sah aus dem
Fenster, es war kein Auto zu sehen. - Doch sie hörte
Motorengeräusch und Fabian parkte ein.
Ihr wurde etwas flau im Magen und ihre Knie zitterten. Schnell
öffnete sie die Wohnungstür.
"Fabian!"
"Julia!"
Lachend und weinend zugleich zog sie ihn in die Wohnung.
Fabian war etwas verwirrt, keine Umarmung wie sonst, nicht mal ein Kuss.
Vor dem festlich gedeckten Tisch blieb er stehen. "Du hast gekocht? Es
gibt doch noch Wunder. Respekt, das sieht ja alles sehr appetitlich aus
und ich habe großen Hunger."
Während sie aßen, erzählte Fabian von seinem Projekt in
Spanien, von den Problemen und wie er sie bewältigt hatte. Immer
wieder sah er Julia an, ihre blonden Haare waren gewachsen, sie sah
verdammt gut aus. Etwas in ihrem Verhalten stimmte nicht, dass
spürte er genau. Sie sah ihn zugleich ablehnend wie auch
verlangend an. Er war immerhin sechs Monate in Spanien gewesen.
"Es ist schön, wieder bei dir zu sein ... ich habe dich sehr
vermisst."
Da war es wieder das Funkeln in ihren Augen, das er so über alles
liebte.
Julia begann das Geschirr aufeinander zu stapeln.
Fabian wischte sich mit der Serviette den Mund ab, stand auf, nahm ihr
die Teller aus der Hand, die sie gerade in die Küche bringen
wollte und stellte sie zurück. "Jetzt nicht." Er berührte
sanft ihre Schulter. Seine Hände glitten behutsam über den
weichen Stoff ihres Kleides, verweilten einen Moment auf ihrer schmalen
Hüfte, spürten die Wärme ihres Körpers. Er sah, wie
sich ihre Augenlider mit jedem Atemzug hoben und senkten, ihr Mund war
leicht geöffnet. Dieser sinnliche Ausdruck löste in ihm fast
körperliche Schmerzen aus. Die sonst eher hellblaue Iris ihrer
Augen leuchtete türkis mit kleinen bernsteinfarbenen Flecken...
...Wie Strand und Meer. - Türkisfarbenes ruhiges Meer ….
Sie tauchten ein, ließen sich treiben. Das Wasser umspülte
sie, drang in sie ein, Luftblasen berührten sie zärtlich und
zerplatzten. Meer, das sich langsam aufbäumte, Wogen
bildete, die sie auf und nieder gleiten ließen, die mit
ihnen spielten, sie auseinander und wieder zusammen trieben. Es gab
kein Oben und kein Unten, ihre Körper drehten und wanden sich,
beugten sich voneinander fort, um sich wieder zu umschlingen. Die
Wellen nahmen sie mit fort, immer höher... immer tiefer... Sie
wurden eins mit dem Meer, wurden zur Welle, die sich ekstatisch
überschlug und wieder verebbte.
Fabian küsste Julias Wange, strich die feucht gewordenen blonden
Haarsträhnen aus ihrem Gesicht, angelte mit dem Fuß nach der
Bettdecke und bedeckte damit ihre bloßen Körper.
Es war noch sehr früh. Auf Zehenspitzen schlich Julia ins
Wohnzimmer, öffnete das Fenster und lächelte den Morgen an.
Sie hob die Kleidungsstücke vom Fußboden auf, legte sie
sorgfältig über die Lehne des Sessels und transportierte das
restliche Geschirr in die kleine Küche. Sie hatten gestern fast
alles aufgegessen, bis auf die Suppe. Nachdem Sie die trockenen
Mu-Err-Pilze hinzu gegeben hatte, schmeckte die Brühe unangenehm
moderig. Sie überlegte, woran das gelegen haben könnte, holte
die leere Schachtel aus dem Müll und las den Aufdruck auf der
Packung durch. ...die Pilze zwei Stunden vorher im Wasser
einweichen.... Das war es also. Sie schmunzelte. Fabian war sehr
taktvoll gewesen, sagte einfach, dass er nichts mehr essen konnte. Sie
nahm die Kaffeekanne und drehte den Wasserhahn auf. Verträumt sah
sie sich die Postkarte aus der Karibik an, die an der Wand angepinnt
war. Palmen, Strand und Meer ... "türkises Meer", murmelte sie
gedankenverloren, Wasser rann über ihre Hände und Unterarme,
bahnte sich seinen Weg auf dem langärmligen Shirt. Sie
schüttelte sich. Schnell drehte sie den Hahn ab.
Mit einem Becher Kaffee in der Hand, setzte sich Julia auf die
Bettkante. Fabian war inzwischen wach geworden, blätterte in
seinem Terminkalender. Morgens tranken sie immer aus einem Becher.
"Hier, meine versprochene Überraschung." Fabian drückte ihr
einen länglichen Umschlag in die Hand. Julia nestelte bewusst
langsam an dem Umschlag.
"Nun mach schon auf." Fabian blickte sie erwartungsvoll an.
"Lass mich raten… Karten fürs Theater?"
"Vielleicht." Fabian schmunzelte.
Julia zog zwei Karten aus dem Umschlag.
"Flug-Tickets? – Du bist verrückt!"
Ein Prospekt flatterte zu Boden. Sie hob es auf
und traute ihren Augen
kaum.
"Mauritius!" flüsterte sie.
Wellen schwappen an den von der Sonne erhitzten Strand, umspülen
glucksend kleine und größere Felsbrocken. Die
sehnsuchtsvolle Melodie war verklungen.
ENDE
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Das sinnliche
Meer
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Frieden
Texte und Gedichte...
"Es gibt nur einen Weg
zum Frieden: Sei friedlich!"
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