Das sinnliche Meer

Eine leichte Brise weht von Südwest über das Meer, kräuselte das Wasser an der Oberfläche. Sonnenstrahlen zaubern Lichtreflexe. Aus dem Rauschen des Meeres erklingt eine zarte sehnsuchtsvolle Melodie. Betörend verführt sie dazu einzutauchen, sich willenlos hinzugeben, schwerelos treiben zu lassen.
Es gibt kein Leben ohne Wasser. Wasser ist Leben. Wenn Wasser auf Wasser trifft will es sich verbinden, will eins werden, Molekül für Molekül…

… auch in den Körpern von Julia und Fabian.

Während Julia sich schminkt, schaut sie hin und wieder aus dem Fenster. Nein, sein Auto ist noch nicht zu sehen. Sie zieht das dunkelblaue Kleid mit den schmalen Trägern über ihren nackten Körper, spürt den weichen Stoff auf ihrer Haut. Barfüßig schlüpft sie in die Sandalen.  - 16 Uhr schon. Vielleicht hat Fabian ihre Verabredung einfach vergessen, so wie ihren Geburtstag. Oder er ist aufgehalten worden, muss sich noch um dieses Bauprojekt kümmern. Seit er das Projekt leitet, hat sie ihn nur hin und wieder gesehen. Schiebt er die Arbeit nur vor? Gibt es eine Andere?
Julia schüttelt energisch den Kopf. „Nein, das bilde ich mir wohl nur ein.“ Sie sieht aus dem Fenster, es ist immer noch kein Auto zu sehen. - Doch sie hört Motorengeräusch und schließlich parkt er mit seinem roten VW ein.

Ihr wird etwas flau im Magen und ihre Knie zittern. Schnell öffnet sie die Wohnungstür.
„Fabian!“
„Julia!“
Lachend und weinend zugleich zieht sie ihn in die Wohnung.

Fabian ist verwirrt, keine Umarmung wie sonst, nicht mal ein Kuss. Julia stopft ihren Bikini und das Badelaken in die Tasche. Fabian beobachtet sie dabei. Ihre blonden Haare sind gewachsen. Etwas in ihrem Verhalten stimmt nicht, dass spürt er genau. Sie sieht ihn zugleich ablehnend wie auch verlangend an. Wie konnte er sie nur so vernachlässigen.
„Es ist schön,  bei dir zu sein - der Bau ist fertig gestellt.“
Julia schultert die Tasche und sieht in an.
Da ist es wieder das Funkeln in ihren Augen, das er über alles liebt.
„Das Meer wartet, komm“, sagt Julia leise.
Fabian umarmt sie. „Lass uns hier bleiben.“
Julia löst sich aus der Umarmung.
 „Die Sonne wird bald untergehen. Ich habe eine kleine Bucht entdeckt, sie wird dir gefallen.“

Während der Fahrt erzählt Fabian von seiner Arbeit, die Probleme, die bewältigt werden mussten. Von einsamen Übernachtungen im Hotel. Davon, dass die langen Telefongespräche mit ihr, ihm geholfen haben.
Sie halten mit dem Auto oberhalb der Steilküste und gehen den schmalen, steilen Weg zum Strand hinunter. Auf halbem Wege bleibt Julia stehen, berührt Fabians Schulter sanft.
„Das Meer singt - hörst du es?“
Fabian lauscht: „Du meinst, es rauscht!“
„Nein, es ist als ob im Rauschen eine Melodie zu erkennen ist.“
„Meine kleine Träumerin.“ Fabian nimmt sie an die Hand. „Das ist wirklich eine besonders idyllische Bucht.“ Er berührt ihre Schulter. Seine Hände gleiten behutsam über den weichen Stoff ihres Kleides, verweilen einen Moment auf ihrer schmalen Hüfte, spüren die Wärme ihres Körpers. Er sieht, wie sich ihre Augenlider mit jedem Atemzug heben und senken, ihr Mund ist leicht geöffnet. Dieser sinnliche Ausdruck löst in ihm fast körperliche Schmerzen aus. Die sonst eher hellblaue Iris ihrer Augen leuchtet türkis mit kleinen bernsteinfarbenen Flecken...
 
... Wie Strand und Meer  - Türkisfarbenes ruhiges Meer …
 
Sie tauchen ein, lassen sich  treiben. Das Wasser umspült sie, dringt in sie ein, Luftblasen berühren sie zart und zerplatzen. Meer, das sich langsam aufbäumt, Wogen bildet, die sie auf und nieder gleiten lassen, die mit ihnen spielen, sie auseinander und wieder zusammen treiben. Es gibt kein Oben und kein Unten, ihre Körper drehen und wenden sich, beugen sich voneinander fort, umschlingen sich wieder. Die Wellen nehmen sie mit fort, immer höher ... immer tiefer ... Sie werden eins mit dem Meer, werden zur Welle, die sich ekstatisch überschlägt und wieder verebbt.

Die sehnsuchtsvolle Melodie ist verklungen.

Wellen schwappen an den von der Sonne erhitzten Strand, umspülen glucksend kleine und größere Felsbrocken. Der Wind treibt feinen Sand vor sich her, bedeckt nach und nach zwei herrenlose Taschen am Strand.

ENDE
Es gibt u. a. eine Reszension für "Das sinnliche Meer", die mich sehr überrascht hat. Der Reszensent muss ziemlich tief in mein Unterbewusstsein gedrungen sein, anders kann ich mir das Ergebnis nicht erklären.

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