Das sinnliche Meer

Leseprobe © Gundula Lendt

Keine Arbeit, kein Geld – kein Brot


1946: Am 22. November beschießen die Franzosen von See aus die Hafenstadt Haiphong. Der Gegenangriff der Viet-Minh auf französische Stellungen bei Hanoi am 19. Dezember weitete sich innerhalb von wenigen Stunden auf ganz Vietnam aus. In Argentinien wird Juan Perón, dessen Frau Evita bei seinen Landsleuten sehr beliebt war, erneut Präsident. Hermann Hesse erhält den Nobelpreis für Literatur. In Deutschland werden die Lebensmittel auf 1.000 Kalorien pro Kopf und Tag rationiert und die Menschen versuchen durch Hamsterfahrten auf dem Lande ihren Nahrungsbedarf zu ergänzen.

Maria Gahlow nahm weder den Krieg in Vietnam wahr, noch interessierte es sie, dass ein gewisser Hesse einen Literaturpreis erhalten hatte.
Wie viele andere junge Menschen dieser Zeit befand sie sich auf der Kellerleiter des Lebens – keine Ausbildung, chancenlos, seelisch verkrüppelt.
Seit ihrer Flucht von Pommern nach Flensburg lebte sie schon zwei Jahre im Flüchtlingslager Kielseng in der Baracke Nummer 2. Ab und zu verdiente sie etwas Geld durch Saisonarbeiten, zu wenig um diese elende Baracke verlassen zu können. Mitunter wurde ihr eine längerfristige Arbeit angeboten, doch sie hielt es nie lange bei einer Stelle aus; stritt mit den Kollegen und kritisierte die Vorarbeiter. Entweder wurde ihr gekündigt oder sie ärgerte sich über die Arbeitsbedingungen, wurde wütend und schmiss die Arbeit kompromisslos hin.
Vor ein paar Wochen erhielt sie zwei Stellenangebote, die nicht befristet waren und ihr einen gleichbleibenden monatlichen Lohn versprachen: Fische ausnehmen in der Fisch-Fabrik oder putzen im Franziskus-Hospital. Maria entschied sich für die Putzstelle. Sie hätte sich lieber um die Fische kümmern sollen.

Das Putzen im Franziskus-Hospital war für sie angenehm. Sie war allein verantwortlich für einen überschaubaren Bereich, den sie gründlich säuberte. Die Nonnen grüßten sie freundlich und es gab keinen Anlass zur Kritik. Endlich eine Arbeit, bei der sich Maria wohl fühlte. Ihr Gesichtsausdruck wurde weicher, ihr Gang schwungvoller.


Einige Monate später


Als Maria aus der Ohnmacht erwachte, registrierte sie erschrocken, dass sie auf einer Liege im Krankenzimmer der Schokoladen-Fabrik lag. Auf einem Stuhl neben ihr saß ein Arzt. Sie schätzte ihn auf ungefähr 40 Jahre, er sah gut genährt aus, hatte ein rundliches Gesicht; die kurzen braunen Haare bildeten in Höhe der Ohren einen Kranz um seinen Kopf. Gerade kritzelte er etwas auf einen Zettel. Sie richtete sich auf.
Der Arzt hob den Kopf und lächelte sie an: „Gut geschlafen, Frau Gahlow? – Ich bin Dr. Petersen.“
„Wieso lieg ich hier?“ Sie schlug die Decke zur Seite und wollte aufstehen.
„Nun mal schön langsam, Frau Gahlow, bleiben Sie liegen, Sie sind vorhin in Ohnmacht gefallen.“ Behutsam zog er die herab gerutschte Decke über ihre Beine.
„Mir war in der letzen Zeit häufig schwindlig. Was ist mit mir los?“
„Frau Gahlow, Sie sind gesund. Es kommt gelegentlich während einer Schwangerschaft vor, dass der Kreislauf verrücktspielt.“
Maria richtete sich auf. „Sie müssen sich geirrt haben Herr Doktor, ich bin nicht schwanger!“
Dr. Petersen sah sie nachdenklich an. Sie war eine schöne junge Frau, groß und schlank, dunkelbraune dichte Haare umrahmten ihr ebenmäßiges Gesicht. Ihre großen blauen Augen schimmerten feucht. Die sanft geschwungenen Lippen zitterten jetzt etwas.
„Ist Ihnen nie aufgefallen, dass ihr Kind sich im Bauch bewegt hat? Sie müssten schon im sechsten Monat sein.“
„Nee, das kann nicht sein, mitunter rumort es zwar in meinem Bauch aber das kommt bestimmt von der Kohlsuppe.“
„Frau Gahlow, es kommt nicht von der Kohlsuppe. Sie erwarten ein Kind!“
Maria sah den Arzt ungläubig an, sein Gesicht wirkte ernst und vertrauenswürdig. Fassungslos murmelte sie: „Ich soll schwanger sein? - Das ist nicht wahr… oder?“
Dr. Petersen erkannte, dass sie etwas Zeit benötigte, um diese überraschende Diagnose zu verdauen.
Er ergriff ihre Hand. „Morgen früh kommen Sie in meine Praxis, dann werde ich Sie gründlich untersuchen. Jetzt bleiben Sie noch eine halbe Stunde liegen und gehen danach nach Hause.“ Er gab ihr einen Zettel mit seiner Adresse und verließ den Raum.

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